Mittwoch, 21. Oktober 2015

Denken in grösseren Zusammenhängen



Denken in grösseren Zusammenhängen




Wir brauchen mehr: wir brauchen ein Denken in einer neuen Dimension. Ne­ben dem simplen Ursache-Wirkungs-Denken der Vergangenheit, das sich an Einzelproblemen orientiert und dort auch beachtliche Erfolge erzielt hat, brauchen wir eine Hinwendung zu einem Denken in grösseren Zusammen­hängen - zu einem Verständnis der komplexen Systeme, aus denen unsere Welt besteht . Diese Forderung - und das berechtigt mich zu einiger Hoff­nung - wird nicht nur in der Bevölke­rung, sondern da und dort auch bis zu höchsten wirtschaftlichen und politi­schen Kreisen aufgegriffen. 



(Walter Scheel:  Quelle Wiki)

So sagte der vorige Bundespräsident Walter Scheel, der ja von Hause aus Wirt­schaftler ist, in seiner bemerkenswerten Rede zum 75-Jahr-Jubiläum des Deut­schen Museums, in der er besonders ausführlich auf den Inhalt meiner dort als Sonderschau gezeigten und vom Gottlieb Duttweiler-Institut initiierten Ausstellung einging, folgendes:


«Heute beginnen wir wieder zu erken­nen, dass Wissenschaft, Technik, Wirt­schaft, Kultur, Gesellschaft, Politik, je einzelne sehr komplexe Systeme sind, die ein einziges grosses System bilden, das seinerseits mit der Natur ein Ge­samtsystem bilden muss, soll die Le­bensgrundlage des Menschen erhalten bleiben. 

Wir beginnen zu erkennen, dass wir kein einziges Problem lösen können, wenn wir es ausserhalb seines Gesamt­zusammenhanges lösen wollen. Was also tun? Mit vielen nachdenklichen Menschen glaube ich, wir müssen unser Denken ändern. Wir müssen die Metho­de, ein Problem erst zu isolieren, bevor wir es lösen, aufgeben und zunächst den Gesamtzusammenhang, in dem es steht, zu erkennen suchen. Wir müssen in grös­seren Einheiten denken lernen.

Das gilt für alle Bereiche unseres Lebens: für die Wissenschaften, die Technik, die Wirt­schaft, die Massenmedien und nicht zu­letzt auch für die Politik. Das gilt für alle Gruppen der Gesellschaft. 
Ich bin fest davon überzeugt, dass keine Gruppe ihre Interessen noch richtig definiert, wenn sie nur ihre Partikular-Interessen im Auge hat und vergisst, dass die Le­bensfähigkeit der Gesamtgesellschaft die erste und wichtigste Bedeutung ihrer eigenen Existenz ist».


Warum fällt es uns so schwer, in ver­flochtenen Zusammenhängen zu den­ken? Einmal natürlich, weil wir es in der Schule nicht üben. Zum andern aber, weil wir versuchen, dieses zusam­menhängende Denken nicht mit den dafür geeigneten Gehirnpartien durch­zuführen, nämlich jenen der Intuition, der Mustererkennung und Strukturbeur­teilung, der gefühlsmässigen Resonanz von Übereinstimmung und den analog arbeitenden Partien, die geeignet sind, Konstellationen zu erfassen, sondern immer mit den Partien, die letztlich nur in kleinen Ursache-Wirkungs-Schritten vorgehen und daher vernetzte Vorgän­ge nur inadäquat erfassen. 

Für sie ergibt das unvernetzte Denken viel einfacherere Antworten. Sie sind bequem, weil ungetrübt durch indirekte Folgen und Rückwirkungen im Gesamtsystem. Doch sie sind auch trügerisch und da­mit gefährlich, weil man auf diese Wei­se niemals ein zutreffendes Bild der ver­netzten Wirklichkeit erhält. Ein aktuel­les Beispiel bietet die Kernenergie [12]. Das meiner Meinung nach Tragische an diesem heute so umstrittenen Thema ist die Tatsache, dass es eigentlich in kei­nem der sich feindlich gegenüberste­henden Lager wirkliche Experten gibt. Experten, die von ihrem Wissen und diesem vernetzten Denkansatz her die Dinge beurteilen.

So sagt der Physiker Prof. Hans Peter Dürr [13], der Nachfol­ger auf dem Lehrstuhl von Werner Hei­senberg:



«Wenn ein Kernphysiker oder Elementarteilchenphysiker zum Thema «Friedliche-Nutzung der Kernenergie» seine Meinung äussert, dann misst die breite Öffentlichkeit dieser Meinung automa­tisch ein besonderes Gewicht zu, da ja hier wie sie meint, ein Fachmann seine Meinung bekundet. Dies ist streng ge­nommen falsch!

Richtig ist, dass dieser Physiker aufgrund seiner speziellen Er­fahrung bestimmte physikalische Fakten und Zusammenhänge umfassender, si­cherer und tiefgründiger verstehen und würdigen kann. Solche Spezialkenntnis­se befähigen ihn aber noch lange nicht dazu, in anderen, für das Kernenergie­problem wesentlichen Fragen, wie etwa wirtschaftlicher, soziologischer oder ökologischer Art, ein ähnlich sicheres Urteil zu erlangen. Darüber hinaus ­und dies ist eigentlich der wesentliche Punkt - können Fragen, wie sie etwa im Kernenergieproblem zur Debatte ste­hen, überhaupt nicht «wissenschaftlich eindeutig» beantwortet werden, da hier­bei notwendig eine Bewertung erfolgen muss, die aus einer umfassenderen menschlichen Erfahrung als der natur­wissenschaftlich-technischen bezogen werden muss».

Und weiter heisst es bei Dürr
«Ein Spezialwissen fördert das Urteils­vermögen nicht unmittelbar. Die Kon­zentration auf bestimmte Details kann im Gegenteil sogar ein ausgewogenes Urteil behindern».



Die Fähigkeit, Muster zu erkennen



Es geht hier um die Fähigkeit der Mustererkennung, der Erkennung des Wesentlichen. Un­ser Gehirn ergänzt hier durch die in un­serer Erinnerung gespeicherten Urbil­der, in diesem Fall durch den Archetyp des Gesichts an sich, die wahrgenom­mene Wirklichkeit trotz fehlender Teile zu einem Ganzen. Dieses Beispiel sagt eine Menge zu unserem Thema des Denkens in Zusammenhängen. Es sagt uns, dass eine noch so genaue Studie der einzelnen Vierecke unseres Bildes im Gegensatz zu dem unscharfen Ge­samtmuster zwar den genauen Grau­wert, die Abmessungen der Kanten oder eine Tabelle der nach Helligkeit geordneten Vierecke mit entsprechen­den Prozentzahlen bescheren kann. Sie wird uns jedoch nie erkennen lassen, dass es sich im Grunde um ein Porträt von Abraham Lincoln handelt. 

Das Studium der Quadrate ist also für das Erkennen des Systems die falsche wis­senschaftliche Methode, die auch da­durch nicht richtiger wird, dass man sie mit besonders grosser Akribie betreibt. Wenn es um ein Erkennen des Systems geht, dann helfen uns die vordergründi­gen Details überhaupt nichts. Im Ge­genteil, je unschärfer sie werden, um so mehr treten die Beziehungen zwischen ihnen hervor und um so deutlicher sagt uns das Bild, was es als Ganzheit dar­stellt. 

Und genauso müssen wir auch die Dinge, mit denen wir uns in unserer Umwelt beschäftigen, mit denen wir unseren Lebensraum planen, unsere Technik entwickeln, müssen wir auch sie erst miteinander verbinden. Wenn wir dies nicht tun, erfahren wir zwar sehr viel über diese Einzelobjekte, aber eben nichts über das System und sein Verhalten. Denn dieses ist, wie gesagt, durch die Vernetzungen zwischen den Dingen repräsentiert [5].



Auch das Problem Kernenergie ist na­türlich weit davon entfernt gelöst zu sein - und zwar auf mehreren Ebenen weit davon entfernt, womit ich vor al­lem auch die wirtschaftlich-sozialen Konsequenzen meine, wie ich sie jetzt im Energiebilderbuch «Das Ei des Kolumbus» dargestellt habe [12]. 

Und selbst, wenn heute noch ausstehen­de Lösungen, z. B. für die Wiederaufbe­reitung oder die Endlagerung gefunden sind, bleibt es wegen der von vornher­ein nur auf wenige Jahrzehnte be­schränkten Nutzungszeit eine unsinnige, zudem noch veraltete und vor allem un-kybernetische Technologie, die als Teil­system praktisch allen Grundregeln eines überlebensfähigen Gesamtsystems widerspricht, weil sie weiteren Energieverbrauch nach sich zieht, eine noch raschere Verschwendung unserer Rohstoffe und entsprechende Abfall­lawinen ankurbelt (denn den Strom kann man ja nicht in die Tasche stecken, man muss etwas damit produzie­ren), das bedeutet weitere indirekte Umweltbelastung, erhöhte Kapitalfest­legung und damit Unflexibiliät für die nötigen technischen Neuentwicklungen und weitere, erhebliche Verteuerung der Arbeitsplätze und somit deren wei­tere Dezimierung. Das Desaster ist ab­zulesen.


Dass wir in die heutigen Zwänge und zum Teil Sackgassen hineingeraten sind, ist dabei nicht einmal so sehr Un­vernunft oder mangelndes Bemühen unserer Industrie und Wirtschaft gewe­sen, sondern deren, unter heutigen Ver­hältnissen nicht mehr funktionierende, unvernetzte Zielsetzung. Sie führte zu Zwängen (auch technischen), unter de­nen man Spätschäden wie auch kata­strophale Rückwirkungen durch die nichtbeachteten vernetzten Regelkreise für kurzfristige Scheingewinne in Kauf nahm. Und dies zu einer Zeit, da die Voraussetzungen für Informationstech­niken, mit denen die vernetzten Zusam­menhänge erfasst werden können, längst gegeben waren [6]. 

Doch wofür hat man sie benutzt: um auf primitive Weise Daten zu speichern und abzuru­fen, um hochzurechnen und zu extrapo­lieren, zu klassifizieren und einzuteilen - statt um das wahre Spiel der Wirklich­keit zu durchschauen



Vereinbarkeit mit lebenden Systemen




Eine der wesentlichsten Kriterien für die Entwicklung neuer Technologien ist ihre Vereinbarkeit, ihre Kompatibilität mit den lebenden Systemen. Und dafür gibt es eine Reihe von Regeln, die weni­ger Beschränkungen, weniger Verbote und Schutzmassnahmen, als vielmehr vor allem als Innovationsanreize zu verstehen sind.


Im Rahmen einer UNESCO-Studie im Auftrag des Bundesministers des In­nern wurde eine Art erste Checkliste ausgearbeitet, welche die wichtigsten Regeln eines überlebensfähigen Sy­stems enthält. An solchen Regeln, man könnte sie biokybernetische Grundregeln nennen, kann man das, was man tut und plant, im Sinne eines überlebens­fähigen Systems überprüfen. Diese Re­geln werden im folgenden zusammenfasst.

1. Negative Rückkoppelung
2. Unabhängigkeit der Funktion vom Wachstum
3. Funktionsorientierung statt Produkt­orientierung
4. Das Jiu-Jitsu-Prinzip. 
5. Das Mehrfachnutzungs-Prinzip. 
6. Das Recycling-Prinzip. 
7. Das Symbiose-Prinzip. 
8. Befolgung eines biologischen Grund­designs. 




1. Negative Rückkoppelung in verschach­telten Regelkreisen. 


Negative Rückkop­pelung bedeutet Selbststeuerung in Kreisprozessen. Beispiele sind Steue­rung der Hormonkonzentration durch unser vegetatives Nervensystem, die Regelung der Benzinzufuhr durch den Vergaserschwimmer, der Fliehkraftreg-1er oder die Aufrechterhaltung ökologi­scher Gleichgewichte zwischen Tier-und Pflanzenarten. Nehmen wir das Beispiel von Raubtier und Beute, wo Körpergewicht, Laufgeschwindigkeit und Fanghäufigkeit einen Regelkreis bilden. Je schneller der Wolf läuft, de­sto mehr Hasen kann er fangen. Je mehr Hasen er fängt, desto dicker wird er, de­sto langsamer kann er laufen, desto we­niger Hasen fängt er, desto dünner wird er wieder, um so schneller kann er wie­der laufen, wieder mehr Hasen fangen und so fort [15].


Diese Selbststeuerung durch negative Rückkoppelung ist das wichtigste Or­ganisationsprinzip eines Teilsystems, sobald dieses innerhalb des Gesamtsy­stems überleben will. Positive Rück­koppelung, also Vorgänge, in denen sich Wirkung und Rückwirkung ver­stärken, sind zwar ebenfalls notwendig, damit überhaupt Dinge in Gang kom­men, sie schaukeln sich jedoch unwei­gerlich zu Teufelskreisen auf, wenn sie nicht durch eine übergeordnete negati­ve Rückkoppelung kontrolliert werden.

2. Unabhängigkeit der Funktion vom Wachstum. 


Stabilität und Wachstum sind unvereinbar. Im Gegensatz zu dem, was manche leider immer noch massgebliche Wirtschaftspolitiker glau­ben, erlaubt das kontinuierliche Wachs­tum eines Teilsystems weit geringere Freiheit und somit auch für das Ge­samtsystem und indirekt wieder für je­des Teilsystem keine sinnvolle, weder Qualität noch Stabilität aufbauende Funktion. Eine solche beginnt erst beim Einschaukeln eines Systems in ein sta­biles Gleichgewicht. In lebenden Syste­men finden wir daher immer nur Wachstum oder Funktion.

3. Funktionsorientierung statt Produkt­orientierung. 


Auch diese Regel zielt in Richtung einer optimalen Funktion und wird das betreffende Unternehmen weniger krisenanfällig machen. So wie sich eigentlich das Volkswagenwerk nicht als Autobauer verstehen darf, sondern als Unternehmen im Verkehrs­geschäft, das sowohl an die Entwick­lung neuer Transportarten denkt als auch sich Gedanken über eine Städte­planung macht, die vielleicht generell weniger Verkehrsaufkommen benötigt. Ähnlich dürften sich auch Elektrizitäts­werke nicht als Stromerzeuger betrach­ten, sondern als Energieversorger, was auch darin bestehen kann, die Energie­nachfrage zu verringern und den Ener­gieverbrauch durch alternative Techno­logien zu ersetzen [16].

4. Das Jiu-Jitsu-Prinzip. 


Lebende Syste­me arbeiten generell nach dem Prinzip der asiatischen Selbstverteidigung. Da­mit meine ich die Ausnutzung bereits existierender Kräfte und deren Umlen­kung im gewünschten Sinne durch ge­ringfügige Steuerenergien - anstatt vor­handene Kräfte nach Boxermanier mit gleich hoher Gegenkraft zu bekämpfen und dann noch ein zweites Mal Kraft dafür aufzuwenden, was man eigentlich erreichen will. In der Wirtschaftspraxis hiesse das: Nutzung profitabler Selbst­regulationen wie der Selbstreinigungs-kraft der Gewässer, der Produktions­kraft vitaler Böden und anderer intak­ter Ökosysteme. So erreicht die Natur mit Energiekoppelungen, Energieket­ten und Energiekaskaden, von denen unsere Ingenieure nicht zu träumen wagen, einen traumhaften Wirkungsgrad. Dieses Prinzip gilt natürlich nicht nur für den technischen Bereich, sondern ebenso für den organisatorischen und den psychosozialen Bereich.

5. Das Mehrfachnutzungs-Prinzip. 


überlebensfähige Systeme bevorzugen Produkte und Vorgänge, bei denen mehrere Fliegen mit einer Klappe ge­schlagen werden - im Grunde eine Spielart des Jiu-Jitsu-Prinzips. Mög­lichst nichts, was wir schaffen oder tun, möglichst kein Produkt und kein Ver­fahren sollte nur für einen Zweck ver­wendbar sein. Dies verlangt natürlich eine gewisse fachüberschreitende Di-versität und hat sehr unterschiedliche Implikationen für die Spezialisierungs­tendenzen in der Zulieferungsindustrie von Fertigteilen und andererseits der Anwendungspalette von Produkten, die hier ebenfalls meist nur in einer Ebene, etwa der technischen und nicht nur der psychosozialen Ebene gesehen wird.

6. Das Recycling-Prinzip. 


Es ist recht in­teressant, und man sollte es sich immer wieder vergegenwärtigen, dass die Na­tur - und damit meine ich stabile Öko­systeme und Biotope -, überhaupt kei­ne Abfälle als solche kennt. Durch das nutzbringende Wiedereingliedern von Abfallprodukten in den lebendigen Kreislauf der beteiligten Systeme ist überhaupt nicht mehr zwischen Aus­gangs- und Endprodukt zu unterschei­den. Wir müssen also auch hier von un­serem eindimensionalen Denken abge­hen, das immer nur Anfang und Ende kennt, und in kybernetischen Kreispro­zessen denken. Jedoch auch hier nicht etwa unvernetzt innerhalb der eigenen Branche, sondern über diese hinaus­schauend, indem wir sie im Verbund mit anderen sehen. Denn profitable Re-cyclingsmöglichkeiten innerhalb eines Industrieunternehmens oder auch einer Branche sind weit weniger häufig als solche zwischen verschiedenen Bran­chen. Daraus ergibt sich eine starke Be­ziehung dieses Prinzips zum nächsten.

7. Das Symbiose-Prinzip. 


Symbiose ist das enge Zusammenleben grundver­schiedener Arten zum gegenseitigen Nutzen. Sie ist die Grundlage aller le­benden Systeme und hat dort die viel­fältigsten Erscheinungsformen; von Darmbakterien, die von der Nahrung des Menschen leben und ihm dafür lebenswichtige Vitamine aufbauen, bis zur grossen Symbiose zwischen Tier-und Pflanzenwelt (genauer zwischen Photosynthese und Atmung), die für den Kohlenstoffkreislauf auf diesem Planeten sorgt. Was ist der Vorteil? Symbiose führt immer zu einer be­trächtlichen Rohstoff-, Energie- und Transportersparnis aller beteiligten Glieder und wird begünstigt durch Viel­falt auf kleinem Raum. Vielfalt nicht nur was die Art, sondern auch was die Grössenordnung betrifft. So leben klei­ne Teilsysteme immer auch mit grösse­ren gewissermassen in Symbiose und diese wiederum mit dem Gesamtsystem. Von dessen Stabilisierung profitieren daher auch immer seine Glieder (ich erinnere hier an die Worte von Walter Scheel).

8. Befolgung eines biologischen Grund­designs. 


Die abschliessende Regel be­deutet, dass jedes Produkt, jede Funk­tion und jede Organisation, die zu einem Überleben unserer Spezies und nicht zu deren Aushöhlung und Ver­nichtung beitragen soll, mit der Biolo­gie des Menschen und der Natur verein­bar sein muss, generell also mit der Struktur überlebensfähiger Systeme. Das ist nicht nur eine ökologische, son­dern immer mehr auch eine ökonomi­sche Frage. Das geht vom Design unse­rer Produkte über die Architektur unse­rer Städte bis zum weiten Feld der Bio­nik, also einer den biologischen Vorgän­gen nachempfundenen Technik wie auch der Biotechnologie, wo man biologische Prozesse direkt industriell einsetzt (etwa Bakterien zur lautlosen Metallverhüt­tung wie bei den Anlagen zur Kupferge­winnung in Nordrussland und inzwi­schen auch in Kanada, oder zur Roh­stoffrückgewinnung durch Leaching oder beim Einsatz von Photosynthesefa-briken) [3].




Verborgene Erfindungen



Allein in jeder grünen Zelle eines Blätt­chens ruhen über ein Dutzend epochale und bisher nicht nachgeahmte Erfin­dungen, nach denen sich unsere Inge­nieurschulen die Finger lecken sollten, statt ihre Studenten so auszubilden, als gälte es immer noch den Otto-Motor und die Dampfmaschine zu erfinden. Ich will nur ein paar dieser verborgenen Erfindungen nennen [17]:


- das Prinzip der sich selbst verdop­pelnden Informationsmatrix,
- das Prinzip der chemodynamischen und chemoosmotischen Energiege­winnung,
- das der universellen Energiewährung in Form von ATP,
- das Prinzip der kybernetischen Steuerung durch Induktion und Re­pression,
- das Prinzip des aktiven Transports,
- der photosynthetischen Antenne,
- der Wasserphotolyse
- des respiratorischen, d.h. atmenden Stickstoffkreislaufs und eine Reihe anderer.



Anstatt uns mit Feuereifer auf solche Entwicklungen zu stürzen, quälen wir uns immer noch weiter mit jenen gro­ben ineffizienten Technologien herum, zu denen letztlich auch die Energieer­zeugung aus fossilen oder Kernbrenn­stoffen oder etwa der Transport durch das Auto zählen. Techniken, die mit enormem Energieaufwand, mit ebenso enormen Energieverlusten und einer primitiven Organisation funktionieren und die für das, was sie leisten, einen viel zu hohen Input an Material, Ener­gie, Sicherheit und Rohstoffen verlan­gen, und einen viel zu hohen Output an Abfällen, Abwärme, Stress und Um­weltschäden ergeben [10]. 

Deshalb ha­ben wir auch noch kaum Techniken im Verbund, kaum Symbiosen, kaum Re­cycling, Mehrfachnutzung und andere Arbeitsformen einer kleinräumigen Technologie, wie sie eigentlich doch einer Art Ökosystem der Wirtschaft zu­kämen. 

So kommt es auch, dass wir nicht wissen, wo wir vielleicht besser zentralistisch und wo wir besser mit Unterstrukturen arbeiten sollten, wo mit Feedback-Hierarchie und wo mit Selbstregulation zu organisieren ist, dass wir nicht wissen, wo und warum wir Regelkreise oder selbststeuernde Rückkoppelung aufbrechen, wo und warum wir plötzlich an unerwartete Grenzwerte stossen oder mit unseren Planungen Schiffbruch erleiden.

Thesen zu einer überlebensfähigen Technik



Abschliessend will ich das in bezug auf die Technik Gesagte noch einmal in vier Thesen zusammenfassen:


1. Es gibt keine ursprüngliche Technik ausser im biologischen Bereich.

2. Biosysteme mit ihrer Milliarden Jah­re langen Erprobungszeit in Struk­tur, Funktion und Organisation bie­ten sich daher zwingend als Vorbil­der an für eine zukünftige Technik des Überlebens.

3. Wir haben zwar im Laufe der Jahr­tausende eine Reihe von Strukturen und in letzter Zeit auch von Funktio­nen der Lebewelt abgeschaut, aber kaum ihre kybernetische, das heisst auf der Selbstregulation komplexer Systeme beruhende Organisations­form.

4. Nur in einer solchen Organisations­form werden die bisher ja noch sehr groben Abbilder - sehr ineffiziente Abklatsche lebender Strukturen und Funktionen, also unsere Technik ­in ein überlebensfähiges System der Gesellschaft integriert werden kön­nen.


Alle Bemühungen, eine stärkere Huma­nisierung des Lebens auf dem bisheri­gen technokratischen Wege zu errei­chen, nämlich gegen die biologische Natur (und natürlich insbesondere ge­gen die biologische Natur des Men­schen) dürften somit zum Scheitern ver­urteilt sein. Der Mensch ist und bleibt ein Teil der Natur, ein Teil eines bioky­bernetischen Systems namens Bio­sphäre. Sobald er diese Zughörigkeit aufgibt, wird er nicht mehr lange exi­stieren.

Quellen


[1]     Vester, F.: «Unsere Welt ein vernetz­tes System». Klett-Verlag, Stuttgart 1978
[2]     Vester, F.: «Ballungsgebiete in der Krise - eine Anleitung zum Verste­hen und Planen menschlicher Le­bensräume mit Hilfe der Biokyber­netik». Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1976
[3]     Vester, F.: «Neuland des Denkens» (siehe Kap. 7 «Mikrobiologie» und Kap. 8 «Bionik»). Deutsche Verlags­anstalt, Stuttgart 1980
[4]     Tributsch, H.: «Wie das Leben lernte - Physikalische Technik in der Na­tur». Deutsche Verlagsanstalt, Stutt­gart 1976
Bogen, H.J.: «Gezähmt für die Zu­kunft - Leistungen und Perspektiven der Biotechnik». Droemer-Knaur, München 1973
Paturi, F.R.: «Geniale Ingenieure der Natur - wodurch uns Pflanzen technisch überlegen sind». Econ, Düsseldorf 1974
Nachtigall, W.: «Biotechnik». Quelle & Meyer, Heidelberg 1971; vgl. auch Anm. 3
[5]  Vester, F. & v. Hesler, A.: «Das Sen-sitivitätsmodell. Regionale Pla-
nungsgemeinschaft             Untermain
(Hrsg.), Frankfurt 1980
[6]  Vester, F.: «Neuland des Denkens ­Vom technokratischen zum kyberne­tischen Zeitalter». Deutsche Verlags­anstalt, Stuttgart 1980
Jantsch, E.: «Die Selbstorganisation des Universums - Vom Urknall zum menschlichen Geist». Hanser-Ver-lag, München 1979
[7]  Vester, F.: «Nahrung heute und mor­gen». 5teilige Hörfunkreihe des Bay­rischen Rundfunks. TR-Verl ags-union, München 1980
[8]  Stern, H. et al.: «Rettet die Wildtiere - wir brauchen sie» (vgl. dort «Das grosse Gleichgewicht»). Pro Natur-Verlag, Frankfurt 1980
[9]  Westman, W. E.: «How much are na-tures services worth?». Science, 197:960, 1977
[10]  Vester, F.: «Phänomen Stress». Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1976
[11]  Vester, F.: «Denken lernen verges­sen». Deutsche Verlagsanstalt, Stutt­gart 1975
[12]  Vester, F.: «Das Ei des Kolumbus ­ein Energiebilderbuch». Kösel-Ver-lag, München 1979
[13]  Dürr, H. P., München
[14]  vgl. Anm. 1, Exponat 25: Kyberneti­sche Wahrnehmung
[15]  vgl. Anm. 1, Exponat 10: Negative Rückkoppelung
[16]  vgl. Anm. 3, Kap. 16: Energielösun­gen
[17) Broda, E.: «Erfindungen der leben­den Zelle - zwölf epochale und bis­her nicht nachgeahmte Prinzipien». Naturwiss. Rundschau, 31:356, 1978
[18]  Schief, A.: «Bionik - Technisches Peilgerät nach dem Bau der Stech­mücken». Umschau in Wiss. und Technik, 72:721, 1972
[19]  vgl. Jetter, U. in: «Märkte im Wan­del», Bd. 8 «Energie/Kernenergie». Spiegel-Verlag, Hamburg 1979, so­wie «Statistik der Energiewirtschaft 1976/77», S. 29

Mittwoch, 14. Oktober 2015

Unser ständiger Begleiter: die Mikrobenwolke

Jeder Mensch hat eine eigene Mikrobenwolke



Einzigartige Signatur: Jeder von uns ist von seiner ganz individuellen, unsichtbaren Wolke aus Mikroben umgeben. Denn pro Stunde geben wir gut eine Million biologische Partikel und Bakterien an die Luft um uns herum ab – selbst wenn wir uns nicht bewegen. Und diese Wolke ist für jeden Menschen so einzigartig, dass man uns sogar daran erkennen kann, wie ein Experiment belegt. Das bedeutet aber auch, dass wir ständig mit den Mikrobenwolken unserer Mitmenschen in Berührung kommen.

Wir teilen unseren Körper mit Milliarden von Mikroben – und diese finden sich auch in Gebäuden, auf Oberflächen, im Hausstaub und in schwebenden Tröpfchen. Die Mikroben gelangen über abfallende Hautschüppchen, über unsere Atemluft und durch Verdunstung von Schweiß in die Luft und von dort aus in die Umgebung. Wie viele und welche Bakterien wir allein im Hausstaub hinterlassen und was dieser über uns verrät, enthüllte erst vor kurzem eine Studie.

Testsitzen in der Klimakammer


Aber wie sieht es mit der Luft um uns herum aus? James Meadow und seine Kollegen von der University of Oregon in Eugene haben dies in einem Experiment untersucht. Sie wollten wissen, wie viele und vor allem welche Bakterien ein völlig still sitzender Mensch innerhalb von zwei oder vier Stunden abgibt. Dafür ließen sie elf Probanden, frisch geduscht und nur mit Shorts und einem Top bekleidet, auf einem Stuhl in einer speziellen Klimakammer Platz nehmen.

Herabsinkende Bakterien wurden in der Kammer über Kulturschalen auf dem Boden eingefangen. Die steril eingeleitete Luft wurde über spezielle Feinfilter wieder abgesaugt, die noch biologische Partikel von nur 2,5 Mikrometern Größe auffingen. Die Forscher analysierten das Filtrat und bestimmten anhand der 16S ribosomalen RNA, zu welcher Bakteriengruppe die enthaltenen Mikroben gehörten.


Mehrere tausend verschiedene Bakterien


Wie sich zeigte, lässt sich schon an der Luft erkennen, ob ein Raum leer ist oder einen Menschen enthält. "Alle Okkupanten hinterließen sowohl nach vier als auch nach zwei Stunden typische Bakteriengemeinschaften in den Luftfiltern", berichten Meadow und seine Kollegen. Obwohl die Probanden ganz still da saßen und sich nicht bewegten, gaben sie Millionen von biologischen Partikeln, darunter viele Bakterien ab. In den insgesamt 312 Proben fanden sich mehrere tausend unterschiedliche Bakterientypen.

"Unsere Studie deutet darauf hin, dass die bakteriellen Emissionen selbst von einer ziemlich inaktiven Person, die beispielsweise am Schreibtisch sitzt, einen starken Einfluss auf die Bakterien hat, die um ihn herum in der Luft vorhanden sind", so die Forscher. Das aber bedeutet auch, dass wir in geschlossenen Räumen, sei es im Büro oder im Haushalt, ständig den Mikrobenwolken begegnen, die unsere Kollegen oder Mitbewohner abgeben.

Individuell ganz verschieden


"Wir hatten erwartet, dass wir das menschliche Mikrobiom in der Luft um eine Person nachweisen können", sagt Meadow. "Wir waren aber überrascht, dass wir die verschiedenen Personen schon allein anhand ihrer Mikrobenwolke unterscheiden konnten." Denn jeder der Teilnehmer hinterließ eine ganz charakteristische Bakterienmischung sowohl in der Luft als auch auf den Kulturschalen der Kammern. 

So enthielt die Wolke eines Teilnehmers besonders viele Staphylokokken, ein anderer dagegen sonderte viele Bakterien der Gattung Dolosigranulum ab, eine Mikrobe, die in den oberen Atemwegen häufig ist. Die Frauen unter den Probanden ließen sich wiederum an Mikroben erkennen, wie sie in der Vaginalflora häufig vorkommen, darunter vor allem Milchsäurebakterien und der Keim Gardnerella vaginalus.

Neben diesen individuell verschiedenen Bakterienmischungen gab es aber auch Keime, die bei allen Personen vertreten waren, dazu gehörten unter anderem Streptokokken und die Hautbakterien Corynebacterium und Propionibacterium.


Ständige Begegnungen


"Damit belegen wir zum ersten Mal, dass jeder Mensch seine ganz eigene, personalisierte Mikrobenwolke absondert", konstatieren die Forscher. "Und diese sind nur ein Teil der Mikroben, die ein Mensch absondert." Denn mit den Hautschuppen und anderen Partikel rieselt auch ein stetiger Strom von Bakterien auf den Boden und die uns umgebenden Flächen hinab.

Das aber bedeutet, dass jeder Mensch beispielsweise im Büro oder anderen Innenräumen viel stärker mit den Mikrobenwolken seiner Mitmenschen in Berührung kommt als bisher angenommen. "Wir interagieren ständig mit den Mikroben, die andere Menschen hinterlassen haben – auf den Stühlen, auf denen wir sitzen, im Staub, den wir aufwirbeln und auf jeder Oberfläche, die wir berühren", sagen die Forscher. An diese ständigen Begegnungen sind wir jedoch schon seit langem angepasst – und möglicherweise brauchen wir sie sogar.(PeerJ, 2015; doi: 10.7717/peerj.1258)