Montag, 12. September 2016

Vernetzte Welt ruft nach vernetzten Systemen



In einer vernetzten Welt sind nur vernetzte Systeme in der Lage, angemessene Lösungen zu erzeugen.



Die Globalisierung und die neuen Kommunikationstechnologien haben die Rahmenbedingungen für Unternehmen grundlegend verändert. Mit der Erhöhungsdichte zwischen den Märkten und ihren Akteuren steigen Komplexität und Dynamik rasant. 

In kurzer Zeit können sich Ereignisse lawinenartig aufschaukeln.
Die sozialen Netzwerk des Internets verschieben die Macht vom Anbieter zum Nachfrager.


Kunden werden zu einflussreichen Geschäftspartnern. Geschäftsmodelle geraten unter Druck.

Es wird immer schwieriger, tragfähige Vorhersagen zu machen. Die Informationsflut wächst schneller als die Fähigkeit, die auflaufenden Datenmengen zu tragfähigen Entscheidungsgrundlagen zu verdichten.

Führungskräfte in der Wirtschaft segeln immer häufiger auf Sicht. Die Unternehmenskulturen sind im Wandel.

Die Frage nach innovativen Denkwerkzeugen und neuen Formen der Lösungsfindung gewinnt zentrale Bedeutung.


In einer vernetzten Welt sind dabei nur vernetztes System in der Lage angemessene Lösungen zu erzeugen.
Die Entwicklung des Unternehmens zum sozialen Gehirn bedeutet daher, dass Führungskräfte vom Organisator und Vordenker zum Nutzer, Förderer und Moderator kollektive Intelligenz werden.

Spiral Dynamics - Das Graves-Value-System



Spiral Dynamics


Das Graves-Value-System

Der amerikanische Entwicklungspsychologe Prof. Clare Graves hat in jahrzehntelangen Studien herausgefunden, dass die heutige Menschheit in den letzten 120.000 Jahren acht verschiedene "Stufen" (Ebenen, Wellen) von Wertebewusstsein (Weltsichten) entwickelt hat, auf denen sich heutige Menschen, Organisationen und Nationen befinden.

Don Beck und Christopher Cowan haben dies zu einem anwendbaren Wissen mit der Bezeichnung Spiral Dynamics weiterentwickelt, das weltweit 50.000-fach in Wirtschaft und Politik eingesetzt wurde (im Internet finden sich viele Beschreibungen zu den Stichwörtern "Graves" oder "spiral dynamics").

Unternehmen, als menschliche Systeme (soziale Holons in Wilbers Terminologie), haben mit ihrer Kultur einen Schwerpunkt in einem der Stufen, abhängig vom Bewusstsein der MitarbeiterInnen und natürlich stark beeinflusst von der Unternehmensführung. 


In der westlichen Welt befinden sich die meisten Unternehmenskulturen auf den Stufen 4 bis 6. Schwerpunkt heißt, dass die Stufe davor und dahinter auch Einfluss haben.

Die acht Stufen werden von Beck/Cowan mit einer Farbe bezeichnet, da alle Stufen gleichbedeutend sind und Farben dies besser zum Ausdruck bringen als Zahlen:


1. Beige: Überleben - Hier geht es um die "nackte" Existenz, um die Erfüllung der Grundbedürfnisse (Nahrung, Sicherheit). Diese Ebene muss natürlich auch bei Unternehmen als erstes gesichert sein, sonst droht Insolvenz.

2. Purpur: Stamm - Bildung einer Gemeinschaft mit "Stammes"-Bewusstsein. Die Welt der Ahnen(geister) und der Magie, die Schutz vor unerklärlichen Phänomenen liefern soll. Die Würdigung dieser Stufe in Form von Anerkennung der Wurzeln (Gründer, Unternehmenshistorie)  ist auch in westlichen Unternehmen wichtig und hat Einfluss auf den Unternehmenserfolg (siehe auch Strukturaufstellungen).

3. Rot: Egozentrische Macht - Egozentrik und Macht steht im Vordergrund. Nur der eigene Vorteil ist wichtig. Dafür geht man auch (im wahrsten Sinne) über Leichen. Hier befinden sich Unternehmen mit Mafiastrukturen.

4. Blau: Mythische Ordnung - Es bilden sich Regeln, Gesetze und Werte. Alles hat einen von oben festgelegten Sinn. Hierarchien sorgen für Ordnung. Treue und Loyalität wird belohnt. Das Interesse richtet sich nun auf Titel und gesellschaftliche Positionen in tlw. absolutistischen Organisationen und patriarchalisch geprägten Organisationen. Diese konservative, komformistische Sicht umfasst ca. 30% der westlichen Welt und ist am stärksten in Bürokratien und Großunternehmen zu finden (auch unter vielen Führungskräften!).

5. Orange: Wissenschaftliche Leistung
 - Die Welt der Wissenschaft und des Materialismus. Hier finden wir Streben nach persönlichem, maximalem Erfolg, Wissen und Freiheit. Hier gilt: "Leistung muss belohnt werden" und "Jeder kann gewinnen". Unternehmen stehen im Wettkampf zueinander, ständig auf der Suche nach immer besseren, effizienteren Geschäftsprozessen. Westlicher Anteil ca. 40%, d.h. dies ist die Sicht der meisten Unternehmen.

6. Grün: Sensitives Selbst
 - Diese Sicht steht für multikulturelles Bewusstsein, Pluralismus, Ökologie und Gleichberechtigung. Das "Wir" rückt in den Vordergrund. Gemeinsames Handeln im Team schafft neue Synergien. Es entstehen soziale Institutionen und Netzwerke, eine soziale Marktwirtschaft, Hilfsorganisationen. Anteil ca. 20%.

Jeder Mensch und jede Organisation, die sich auf einer dieser Stufen befindet, hält die eigene Sicht für die einzig Richtige und bekämpft die anderen. Da in großen Unternehmen in der Regel ein Mix aus blau, orange und grün zu finden ist, sind die Konflikte vorprogrammiert. Die Orangen lehnen die Blauen ab, die aus ihrer Sicht Veränderungen blockieren, und sie lehnen Grüne ab, die immer alle Meinungen integrieren wollen und daher endlos diskutieren. Grüne mögen die herzlosen, geldorientierten Orangen nicht und misstrauen blauen Hierarchien, usw.

7. Gelb: Integral - Systemisches "Big Picture"-Denken und flexibles Handeln sind die Antwort auf komplexe Probleme, wie etwa globale Ökologie und sich zusehends rascher entwickelnde Technologien. Alles befindet sich in Systemen in Systemen in Systemen. Erst aus dieser Sicht wird es möglich, alle Stufen wertzuschätzen und zu integrieren: ein Unternehmen braucht die Kraft der purpurnen Wurzeln, rote Durchsetzungsstärke, blaue Struktur, orange Vernunft und grüne Sensibilität. Diese Stufe ist in der Menschheitsgeschichte noch sehr jung (Anteil 2% in der westlichen Welt). Personen mit hoher Verantwortung (Politiker, Vorstände) sollten idealerweise aus diesem Bewusstsein heraus denken und handeln.

8. Türkis: Holonisch - Globale Zusammenhänge werden wahrgenommen und alles danach ausgerichtet. Vereinigung von Fühlen und Wissen; multiple Ebenen, verwoben in ein bewusstes System. Eine universelle Ordnung, in einer lebendigen, bewussten Weise, die nicht auf äußeren Regeln (blau) oder Gruppenbindungen (grün), beruht. Hier befinden sich nur 0,1% der Bevölkerung.



Entwicklung von Strukturen

Die folgende Grafik zeigt die Entwicklung von Organisationsformen in den letzten 100.000 Jahren. Ab der blauen Stufe entstehen hierarchische (patriarchalische) Strukturen, die heute noch Unternehmensorganisationen (insbesonder Großunternehmen) prägen. In der "orangen Welt" entstehen funktionale Strukturen, Querschnittsfunktionen, Matrixorganisation, etc. Die "grüne Organisationsform", die man oft im Nonprofitbereich findet, ist sehr teamorientiert und symbolisiert Hierarchiefreiheit und Gleichberechtigung. Strukturen des gelben Meme sind chaotisch, spontan und flexibel. Mehr hierzu im Buch "Spiral Dynamics" von Beck/Cowan.  




Ken Wilbers Beschreibung von Spiral Dynamics
(ein englischer Originaltext ist hier...)
Spiral-Dynamik und die Wellen der Existenz
(nach Ken Wilber)

Die ersten 6 Ebenen sind Ebenen der "Grundexistenz", gekennzeichnet durch ein "Denken des ersten Ranges" [first-tier thinking]. 


Dann folgt eine evolutionäre Verschiebung im Bewusstsein: die Emergenz des "Denken des zweiten Ranges" [second-tier thinking], mit zwei Hauptwellen. 


Es folgt nun eine kurze Beschreibung aller acht Wellen, mit Prozentsatzangaben des Anteils der Weltbevölkerung jeder Welle, und dem Prozentsatz des gesellschaftlichen Einflusses jeder Welle [siehe auch: Ken Wilber, Integrale Psychologie, Arbor Verlag 2001, S. 66f. und Ken Wilber, Ganzheitlich handeln, Arbor Verlag 2001, S. 21f.].

1. Beige: Archaisch-instinktiv. Dies ist die Ebene des reinen Überlebens; Nahrung, Wasser, Wärme, Sex und Sicherheit haben Priorität. Benutzt Gewohnheiten und Instinkte zum reinen Überleben. Ein erkennbares Selbst ist kaum erwacht oder erhalten. Bildet Überlebensgruppen, um Leben zu erhalten und weiterzugeben.
Vorkommen: Frühe menschliche Gesellschaften, Neugeborene, senile Alte, Alzheimer Patienten im Spätstadium, verwirrte Obdachlose, hungernde Massen, Menschen mit Bombentrauma. Etwa 0,1% der erwachsenen Bevölkerung, 0% Macht.

2. Purpur: Magisch-Animistisch. Animistisches Denken; magische Geister, gut und böse, schwärmen umher und verteilen Segen, Verwünschungen und Zaubersprüche, welche das Geschehen bestimmen. Organisiert in ethnischen Stämmen. Die Geister existieren als Ahnen und erhalten die Bindung innerhalb des Stammes. Verwandtschaft und Abstammung bestimmen politische Verbindungen. Klingt "holistisch", ist jedoch atomistisch: "Jede Biegung des Flusses hat einen Namen, aber der Fluss selbst hat keinen".
Vorkommen: Glaube an Voodoo-ähnliche Verfluchungen, Blutschwüre, Sippenhaftung, Amulette, Familienrituale, magisch-ethnische Überzeugungen und Aberglaube; verbreitet in der Dritten Welt, in Gangs, Sportmannschaften, und organisierten "Stämmen" in der Welt der Angestellten. 10% der Bevölkerung, 1% der Macht.

3. Rot: Machtgötter. Erstes Auftauchen eines Selbst, welches sich vom Stamm unterscheidet; machtvoll, impulsiv, egozentrisch, heroisch: Magisch-mythische Geister, Drachen, wilde Tiere und machtvolle Einzelne. Archetypische Götter und Göttinnen, machtvolle Wesen, Kräfte, mit denen gerechnet werden muss; gut und böse. Feudalherrscher beschützen Untergebene im Austausch gegen Gehorsam und Arbeit. Die Grundlage feudaler Imperien - Macht und Ruhm. Die Welt ist ein Dschungel voller Gefahren und Raubtiere: erobern, täuschen und beherrschen; das Selbst in vollen Zügen genießen, ohne Bedauern oder Reue; sei jetzt hier. Vorkommen: die Wutanfälle von Zweijährigen, rebellierende Jugend, feudale Königreiche, epische Heroen, James Bond Bösewicht, Anführer von Gangs, Glücksritter, New-Age Narzissmus, wilde Rockstars, Attila der Hunnenkönig, Der Herr der Fliegen [Lord of the Flies]. 20% der Bevölkerung, 5% der Macht.

4. Blau: Mythische Ordnung, konformistische Regeln. Leben hat Sinn, Richtung und Zweck, mit Ergebnissen, welche durch ein allmächtiges Anderes oder eine Ordnung bestimmt werden. Von dieser gerechten Ordnung werden Verhaltensregeln auferlegt, die auf absolutistischen und unveränderlichen Prinzipien von "richtig" und "falsch" basieren. Das Verletzen dieser Regeln hat schwerwiegende, vielleicht auf ewig andauernde Konsequenzen. Das Befolgen der Regeln bringt Belohnungen für jene, die daran glauben. Grundlage der Nationen des Altertums. Rigide soziale Hierarchien; paternalistisch; ein einziger - und nur ein einziger - Weg, die Dinge zu betrachten. Recht und Ordnung; Kontrolle von Impulsivität durch Schuld; wortwörtlicher und fundamentalistischer Glaube; Gehorsam gegenüber den Gesetzmäßigkeiten der Ordnung; stark konventionell und konformistisch. Oft "religiös" oder "mythisch" (im Sinne der mythischen Zugehörigkeit; Graves und Beck bezeichnen es als die heilig/absolutistische Ebene), kann sich jedoch auch auf eine säkulare oder atheistische Ordnung oder Aufgabe beziehen.
Vorkommen: puritanisches Amerika, konfuzianisches China, Dickens' England, Singapur Disziplin, Totalitarismus, Kodex der Ritterlichkeit und Ehre, wohltätiges Handeln, religiöser Fundamentalismus (z.B. Christentum und Islam), Pfadfinder, "moralische Mehrheit", Patriotismus. 40% der Bevölkerung, 30% der Macht.

5. Orange: wissenschaftliche Leistung. Auf dieser Welle "entkommt" das Selbst der "Herdenmentalität" von blau, und strebt auf individuelle Art und Weise nach Wahrheit und Bedeutung - hypothetisch-deduktiv, experimentell, objektiv, mechanistisch, operational - im typischen Sinn "wissenschaftlich". Die Welt ist eine rationale und gut geölte Maschine mit natürlichen Gesetzen, welche erlernt, gemeistert und für die eigenen Zwecke gehandhabt werden können. Leistungsorientiert, speziell (in Amerika) materiell ausgerichtet. Die Gesetze der Wissenschaft steuern die Politik, die Wirtschaft, und menschliche Ereignisse. Die Welt ist ein Schachbrett, auf dem Spiele gespielt werden, bei denen die Gewinner Vorrang und Vergünstigungen gegenüber den Verlierern erhalten. Marktwirtschaft; Manipulation der Ressourcen der Erde für die eigenen strategischen Ziele. Grundlage von Staaten die auf gesellschaftlicher Vereinbarung beruhen.
Vorkommen: Die Aufklärung, Ayn Rand's Atlas Shrugged, Wall Street, aufstrebende Mittelklasse auf der ganzen Welt, Kosmetikindustrie, Trophäenjagd, Kolonialismus, der Kalte Krieg, Modeindustrie, Materialismus, säkularer Humanismus, liberales Eigeninteresse. 30% der Bevölkerung, 50% der Macht.

6. Grün: Das sensitive Selbst. Gemeinschaftlich, menschliche Bindungen, ökologische Sensitivität, Vernetzung. Der menschliche Geist muss befreit werden von Gier, Dogma und Zwietracht ; Gefühle und Fürsorge treten an die Stelle von kalter Rationalität; liebevolles Sorgen für die Erde, Gaia, das Leben. Gegen Hierarchie; etabliert gleichrangige Bindungen und Verbindungen. Das durchlässige Selbst, beziehungsfähiges Selbst, Vernetzung von Gruppen. Betonung auf Dialog, Beziehungen. Basis der Wertegemeinschaften (d.h. frei wählbare Zugehörigkeit auf der Basis gemeinsam geteilter Neigungen). Entscheidungsfindung durch Schlichtung und Konsens (Nachteil: endlose Verfahrensdiskussionen und Unfähigkeit, Entscheidungen zu treffen). Spiritualität erneuern, Harmonie herbeiführen, Bereicherung des menschlichen Potentials. Stark egalitär, antihierarchisch, pluralistische Werte, soziale Konstruktion der Wirklichkeit, Vielheit und Verschiedenheit, multikulturell, relativistische Wertesysteme; diese Weltsicht wird oft auch pluralistischer Relativismus genannt. Subjektives, nichtlineares Denken; zeigt vermehrt gefühlsmäßige Wärme, Sensitivität und Fürsorge, für die Erde und alle ihre Bewohner.
Vorkommen: Tiefenökologie, Postmodernismus, niederländischer Idealismus; klientenzentrierte Gesprächsführung nach C. Rogers , Kanadisches Gesundheitssystem, humanistische Psychologie, Befreiungstheologie, gemeinschaftliche Untersuchungen, Weltkonzil der Kirchen, Greenpeace, Tierschutz, Ökofeminismus, Post-Kolonialismus, Foucault/Derrida, politische Korrektheit, Bewegungen der Vielfalt, Menschenrechtsfragen, Ökopsychologie. 10% der Bevölkerung, 15% der Macht. (Hinweis: dies sind 10% der Weltbevölkerung. Don Beck schätzt, dass etwa 20-25% der amerikanischen Bevölkerung grün ist.)
Der Sprung zum zweiten-Rang Bewusstsein

Mit dem Erreichen des grünen Mem ist das menschliche Bewusstsein bereit für einen Quantensprung in das "zweite-Rang Denken" ["second-tier thinking"]. Clare Graves bezeichnet dies als einen "bedeutungsvollen Sprung", wo "eine Kluft unvorstellbarer Tiefe überwunden wird". Im Wesentlichen erlaubt einem das zweite-Rang Denken vertikal und horizontal zu denken, unter Verwendung von Hierarchien wie auch Heterarchien (Rangordnung und Verbindung). Zum erstenmal ist man in der Lage, anschaulich und lebendig das gesamte Spektrum der inneren Entwicklung zu erfassen, und zu erkennen, dass jede Ebene, jedes Mem, jede Welle entscheidend wichtig für die Gesundheit der gesamten Spirale ist.

Mit meinen Worten, jede Welle ist ein "Transzendieren und Einschliessen." Das bedeutet, jede Welle geht über ihre(n) Vorgänger hinaus (transzendiert ihn), und beinhaltet oder umfasst ihn zugleich in ihrem Bestand. Eine Zelle z.B. transzendiert und beinhaltet Moleküle, welche Atome transzendieren und beinhalten. Die Feststellung, dass Moleküle über ein Atom hinausgehen, bedeutet nicht dass Moleküle Atome hassen, sondern dass sie sie lieben: sie umfangen sie auf ihre Art und Weise; sie beinhalten sie, ohne sie zu vernachlässigen. Genau so ist jede Welle der Existenz ein grundlegender Bestandteil aller nachfolgenden Wellen, und daher sollte jede geschätzt und anerkannt werden.
Jede Welle kann weiterhin für sich aktiviert oder reaktiviert werden, sollten die Lebensumstände dies fordern. In Notfallsituationen können wir rote Kraftimpulse aktivieren; als Antwort auf Chaos müssen wir vielleicht auf die blaue Ordnung zurückgreifen; bei der Suche nach Arbeit benötigen wir vielleicht unsere orange zielorientierte Leistungsfähigkeit; in Liebesbeziehungen und mit Freunden nahe grüne Beziehungsfähigkeiten. Alle diese Meme haben etwas wichtiges beizutragen.

Doch keines der ersten-Rang Meme ist allein fähig, die Existenz der anderen Meme voll zu würdigen. Jedes der ersten-Rang Meme denkt, dass seine Weltsicht die richtige oder beste Perspektive ist - und reagiert negativ wenn diese Sicht angegriffen wird; es schlägt zurück, unter Verwendung der eigenen Werkzeuge, wann immer es sich bedroht sieht. Blaue Ordnung fühlt sich sehr unbehaglich bei roter Impulsivität und orangem Individualismus. Oranger Individualismus denkt, dass blaue Ordnung etwas für nützliche Idioten ist und dass grüner Egalitarismus schwach und butterweich ist. Grüner Egalitarismus verträgt Elitedenken nur schwer, bzw. Wertunterscheidungen, große Weltsichten, Hierarchien, und alles, das auch nur entfernt autoritär erscheint, und daher reagiert grün stark auf blau, orange, aber auch auf alles Post-Grüne.
All dies beginnt sich mit der Denkweise des zweiten Ranges zu verändern. Da das zweite-Rang Bewusstsein sich der inneren Stufen der Entwicklung voll bewusst ist - selbst wenn es sie noch nicht konkret formulieren kann - tritt es einen Schritt zurück und erfasst das Gesamtbild, und deswegen würdigt das zweite-Rang Denken die notwendige Rolle, die all die verschiedenen Meme spielen. Das zweite-Rang Bewusstsein bedenkt und erfasst die gesamte Spirale der Existenz, und nicht nur eine der Ebenen.

Während das grüne Mem beginnt, die zahlreichen verschiedenen Systeme und pluralistischen Kontexte, die in den verschiedenen Kulturen existieren, zu erfassen (daher ist es tatsächlich ein 'sensitives' Selbst, d.h. sensibel hinsichtlich der Marginalisierung anderer), geht das zweite-Rang Denken einen Schritt weiter.

Es erfasst den reichen Zusammenhalt, welcher diese pluralistischen Systeme verbindet und zusammenfügt, und nimmt die unterschiedlichen Systeme und umfängt sie, schließt sie ein und integriert sie zu holistischen Spiralen und in einem integralen Gewebe . Das zweite-Rang Denken ist, mit anderen Worten, entscheidend für die Entwicklung vom Relativismus zum Holismus, oder vom Pluralismus zum Integralismus.
Die umfangreichen Forschungen von Graves, Beck und Cowan weisen darauf hin, dass es mindestens zwei Hauptströmungen in diesem integralen Bewusstsein des zweiten Ranges gibt:

7. Gelb: Integrativ. Das Leben ist ein Kaleidoskop natürlicher Hierarchien (Holarchien), Systeme und Formen. Flexibilität, Spontaneität und Funktionalität haben die höchste Priorität. Unterschiede und Pluralitäten lassen sich in voneinander abhängigen, natürlichen Strömen integrieren. Egalitarismus wird ergänzt durch natürliche Rangordnungen und Qualitäten. Wissen und Kompetenz tritt an die Stelle von Macht, Status oder Gruppensensitivität. Die vorherrschende Weltordnung ist das Ergebnis der Existenz von verschiedenen Ebenen der Wirklichkeit (Meme) und der unvermeidbaren Muster der Auf- und Abwärtsbewegungen in der dynamischen Spirale. Ein gutes Regieren erleichtert die Emergenz der Lebewesen durch die Ebenen fortschreitender Komplexität (verschachtelte Hierarchien). 1% der Bevölkerung, 5% der Macht.

8. Türkis: Holistisch. Universale holistische Systeme, Holons/Wellen von integrativen Energien; Vereinigung von Fühlen und Wissen; multiple Ebenen, verwoben in ein bewusstes System. Eine universelle Ordnung, in einer lebendigen, bewussten Weise, die nicht auf äußeren Regeln (blau) oder Gruppenbindungen (grün), beruht. Eine "große Vereinigung", eine "Theorie von Allem" [A Theory of Everything, Ganzheitlich handeln] ist möglich, in Theorie und Verwirklichung. Manchmal erscheint die Emergenz einer neuen Spiritualität als ein Netzwerk von allem, was existiert. Das türkise Denken verwendet die gesamte Spirale; sieht verschiedene Ebenen der Interaktion, erkennt Resonanzen und Obertöne, die mystischen Kräfte, und das alles erfüllende Fliessen, das jede Organisation durchdringt. 0,1% der Bevölkerung, 1% der Macht.

Mit weniger als 2 Prozent der Bevölkerung auf dem zweiten-Rang Bewusstsein (und lediglich 0,1% auf türkis), ist das zweite-Rang Bewusstsein relativ selten, und stellt jetzt die Spitze der kollektiven menschlichen Evolution dar. Als Beispiele dafür führen Beck und Cowan die Noosphäre von Teilhard de Chardin, die Chaos- und Komplexitätstheorien, universelles Systemdenken, integral-holistische Theorien, Gandhi's und Mandela's pluralistische Integration an, mit deutlich zunehmender Tendenz, und noch höheren Memes in Aussicht...

Business Complexity verstehen und mit Spiral Dynamics konkret meistern



Spiral Dynamics – die Wertespirale


Woran erkennt man die gelebten Werte in einer Organisation?
Wie kann man über Werte in einer Organisation reden?
Die Wertespirale (Spiral Dynamics nach dem amerikanischen Entwicklungspsychologe Prof. Clare Graves) ist ein gutes Modell um im Unternehmen über Werte zu diskutieren und darüber zu sprechen.   
In meiner Arbeit mit Netzwerken und Organisationen habe ich festgestellt, dass sich die Werte je nach Entwicklungsstufe der Organisation verändern.
Wenn man z.B. ein Netzwerk gründet, so stellen sich die Personen erst einmal vor und präsentieren ihre Kompetenzen.  Danach spricht man über gemeinsame Ziele und Werte. Es gibt die bekannten Teamentwicklungsphasen die man durchläuft und irgendwann erreicht man eine Stufe, auf der man hervorragend kooperiert. Bis man in diese Phase kommt sind meist 2 Jahre vergangen und es sind etliche Mitglieder wieder ausgetreten und andere eingetreten. Woran liegt das?
Für wahre Kooperationen braucht man Menschen, die auch diese Werte leben. Erfreulicherweise werden das immer mehr Menschen. Das Modell der Spiral Dynamics zeigt, welche Phasen ein Unternehmen durchläuft, bis es zum kooperativen Unternehmen geworden ist.



In der oberen Grafik sieht man die Entwicklung der Stufen und ihre holistische Struktur (einander umfassend). Auf der rechten Seite sieht man eine zeitliche Einordnung mitsamt der exponenziell steigenden Entwicklungsgeschwindigkeit. Diese Darstellung wurde mir von one-mind.net zur Verfügung gestellt.
Mir ist aufgefallen, dass jedes Netzwerk Phasen durchläuft, in denen man immer wieder fragt, wollen wir die Gemeinschaft mehr fördern oder wollen wir unsere Energie in den professionellen Aussenauftritt stecken. Beide Phasen müssen wohl durchlaufen werden, wenn man global kooperieren will.
Es ist ein ewiges hin und her zwischen den Fragen des Individuums und dem Ich  bzw. des Internen und der Gruppe bzw. des Externen. Beide Sichtweisen wechseln sich von Entwicklungsstufe zu Entwicklungsstufe ab. Das Bild der Spirale ist ein schönes Diagnoseinstrument um zu schauen, wo befinden wir uns auf dem Weg zu einer echten Gemeinschaft.


Die Diskussion über Werte hilft uns, die nächste Entwicklungsstufe zu erreichen.

Und hier noch ein schönes Video, das die einzelnen Stufen im Unternehmenskontext anschaulich erklärt.

Quelle: Rolf Lutterbeck  Rolf Lutterbeck.

Freitag, 2. September 2016

Philosophie von Giordano Bruno

Philosophie von Giordano Bruno




Pantheismus 


Für Bruno stammte alles aus der Natur von der göttlichen Einheit von Materie und Dunkelheit ab. Zum einen trennte er Gott von der Welt und zum anderen tendierte er zu einem dazu entgegengesetzten Pantheismus. 

Bruno verband die These, dass Gott allem innewohne, mit dem Glauben, dass die Realität der Vorstellung entspringe. 

Damit nahm er die Gedanken von Gottfried Wilhelm Leibniz und Baruch de Spinoza vorweg. Er stellte sich gegen das geozentrische Weltbild, nahm stattdessen an, dass die Welt und die Menschen ein einmaliger „Unfall“ einer einzelnen lebenden „Welt-Substanz“ seien,[5] und bekannte sich zur kopernikanischen Theorie. 


Weiterhin postulierte er die Monade, die als eine unteilbare Einheit ein Element des Weltaufbaus darstellt. Der Begriff Monade wurde von Gottfried Wilhelm Leibniz übernommen. 

Bruno ist einer der wichtigsten Vertreter einer panpsychistischen Weltanschauung, derzufolge überall im Kosmos geistige Eigenschaften vorhanden sind. Von den christlichen Kirchen wurde Atheismus und Pantheismus lange Zeit gleichgesetzt. 

Die Vorstellungen Giordano Brunos stehen im Gegensatz zum materialistischen Weltbild. Sie stehen in der Tradition des neuplatonischen Idealismus sowie der Mystik, die er vor allem durch die Werke von Avicenna, Averroes, Nikolaus von Kues rezipiert hat.[6] 

Zwar hat Bruno viele Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaften vorweggenommen. Dies verdankt sich jedoch eher einem „naturphilosophischen Ganzheitsdenken“ als einem physikalisch-analytischem Zugang, wie er etwa für seinen Zeitgenossen Galileo Galilei kennzeichnend war.[7] 

Dies wird besonders klar in Brunos Erkenntnistheorie, verdeutlicht etwa in seiner Interpretation des Aktaion-Mythos in den Heroischen Leidenschaften. [8] Mit dem nach Wahrheit Suchenden verhält es sich laut Bruno wie mit dem griechischen Jäger Aktaion. Dieser hatte auf der Jagd die nackte Göttin Diana beim Bad überrascht und wird in einen Hirsch verwandelt, der von seinen eigenen Hunden gejagt und zerrissen wird. 

Bruno schreibt, es sei „das letzte Ziel und das Ende dieser Jagd [nach der Wahrheit] […] , in den Besitz jener flüchtigen und scheuen Beute zu gelangen, durch die der Beutemacher zur Beute, der Jäger zum Gejagten wird.“ [9] 

Das Göttliche wird im Pantheismus Brunos nicht etwa in die Natur hineingelegt, die dann ein vom Erkenntnissubjekt unabhängiger, objektiver Forschungsgegenstand wäre. 

Vielmehr wird auch das Erkenntnissubjekt als Teil des Kosmos begriffen. Es löst sich in seiner Individualität auf,

sobald es die Erfahrung der pantheistischen Einheit macht, die bei Bruno mystischen, übersinnlichen Charakter hat. So heißt es in Brunos Interpretation des Aktaion-Mythos: „So verschlingen die Hunde, die Gedanken an göttliche Dinge, diesen Aktaion, so dass er nun für das Volk, die Menge tot ist, gelöst aus den Verstrickungen der verwirrten Sinne, frei vom fleischlichen Gefängnis der Materie. 

Deshalb braucht er seine Diana nun nicht mehr gleichsam durch Ritzen und Fenster zu betrachten, sondern ist nach dem Niederreißen der Mauern ganz Auge mit dem gesamten Horizont im Blick.“ [9] 


Unendlichkeit des Weltalls 



Den Prinzipien seiner Naturphilosophie folgend, glaubte Bruno nicht nur, dass das Weltall unendlich ist, sondern dass es auch unendlich viele Lebewesen auf anderen Planeten im Universum gibt. Diese Schlussfolgerungen zog er aus dem Gedanken, dass einer allmächtigen und unendlichen Gottheit auch nur ein unendliches Universum entsprechen kann, denn alles andere wäre einer unendlichen Gottheit nicht würdig. 


Giordano Bruno kann in seiner Philosophie aber nicht einfach „hinter“ Kopernikus oder Galilei eingereiht werden. Er teilte deren in erster Linie auf der Beobachtung der Natur basierenden Überlegungen nicht. Er zweifelte an der Kompetenz der Mathematik und setzte an deren Stelle seine spezifische naturphilosophische Betrachtungsweise. 

In seiner Gesamtheit kann Brunos Denken in die Philosophia perennis eingeordnet werden, der er einen neuen naturphilosophischen Zugang sowie revolutionären und kämpferischen Aspekt hinzufügte. 

Zerbrechung der Auffassung von der Zweigeteiltheit der Welt Zwar übernahm Bruno von Aristoteles die Vorstellung, die riesigen Räume zwischen den unendlich vielen Sonnensystemen seien mit Äther erfüllt, weil leerer Raum nicht existieren konnte, 

doch entwickelte er darüber hinaus die eigene Vorstellung, dass das ganze Weltall von demselben göttlichen Puls durchwirkt sei. 

Dadurch zerbrach er die bis dahin gängige Auffassung des Aristoteles von der Zweigeteiltheit der Welt in den translunaren und den sublunaren Bereich. 

Der Bereich über der Mondsphäre galt als der heilige Bereich, von dem allein ein verlässliches Zeitmaß abgenommen werden konnte. 

Dies galt aber nicht für den Bereich unterhalb der Mondsphäre, den sublunaren Bereich, in dem sich die Erde befand, so dass es vor Giordano Bruno nicht denkbar war, ein irdisches Zeitmaß anzugeben. 

Durch die Aufhebung dieser Grenze zwischen sublunarem und translunarem Bereich durch Giordano Bruno wurde die Erde in den göttlichen Bereich einbezogen, so dass auch auf der Erde gültige Zeitmaßstäbe denkbar wurden. 


Wechselwirkung mit anderen Philosophen Einflüsse auf Giordano Bruno 



Sein Denken wurde von Platon, Epikur, Lukrez, Thomas von Aquin, Johannes Scotus Eriugena, Nikolaus von Kues, Ramon Llull beeinflusst. 

Er war ein starker Kritiker von Aristoteles Lehren. Weitere Einflüsse sind, laut einigen Philosophen und Philosophinnen (wie z. B. Francis Yates): Marsilio Ficino und die Hermetische Literatur. Einflüsse von Giordano Bruno Bruno beeinflusste u. a. Pierre Gassendi, Baruch de Spinoza, Lucilio Vanini, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, Galileo Galilei, Johann Wolfgang v. Goethe und Friedrich Nietzsche. Gottfried Wilhelm Leibniz übernahm von ihm den Begriff der Monade.


Anmerkungen

[1] vgl. beispielsweise E. Samsonow, Giordano Bruno, Diederichs, München 1995. S. 51
[2] In Nova Acta Paracelsica, Neue Folge 8, Peter Lang Bern 1994, S. 57–87, sind neue Fakten zu Brunos Zürcher Aufenthalt mitgeteilt, welche
die Rückkehr Brunos nach Italien, d.h. von Zürich nach Venedig und Padua, in ein völlig neues Licht rücken.
[3] J.R. Grigulevic: Ketzer, Hexen, Inquisitoren, Ahriman Verlag, Freiburg, 1995, S. 416
[4] J.R. Grigulevic, Ketzer, Hexen, Inquisitoren, Ahriman Verlag, Freiburg, 1995, S. 417
[5] Siehe z.B. Giordano Bruno: „Wenn also Geist, Seele und Leben sich in allen Dingen vorfindet&nbnsp;…“ in Wikiquote
[6] J. Kirchhoff, Giordano Bruno, Rowohlt: Reinbek bei Hamburg, 4. Aufl. 1993, S. 27.
[7] J. Kirchhoff, Giordano Bruno, Rowohlt: Reinbek bei Hamburg, 4. Aufl. 1993, S. 7 ff, 16.
[8] W. Beierwaltes, Actaeon – Zu einem mythologischen Symbol Giordano Brunos, in: ZfphF 32, 1978, S. 345 ff.
[9] Giordano Bruno, Von den heroischen Leidenschaften, Felix Meiner Verlag Hamburg, 1989, S. 168.
[10] http:/ / www. odysseetheater. com/ ftp/ bibliothek/ Philosophie/ Giordano_Bruno/ Giordano_Bruno_Von_der_Ursache. pdf
[11] Giordano-Bruno-Gesellschaft e.V. (http:/ / www. giordano-bruno. com)
[12] http:/ / www. positiveatheism. org/ hist/ bruno00. htm
[13] https:/ / portal. d-nb. de/ opac. htm?query=Woe%3D118516221& method=simpleSearch
[14] http:/ / www. zeno. org/ Philosophie/ M/ Bruno,+ Giordano/ Von+ der+ Ursache,+ dem+ Princip+ und+ dem+ Einen
[15] http:/ / www. bibliotecaitaliana. it/ xtf/ search?text-join=& text=& text-exclude=& text-prox=& title=& creator=bruno& sectionType=
[16] http:/ / giordanobruno. signum. sns. it/
[17] http:/ / giordanobruno. signum. sns. it/ bibliotecaideale/ index. php
[18] http:/ / giordanobruno. signum. sns. it/ index. php?id=702
[19] http:/ / www. giordanobruno. info/
[20] http:/ / galileo. rice. edu/ chr/ bruno. html
[21] http:/ / www. ursulahomann. de/ GiordanoBruno/
[22] http:/ / www. giordanobruno. de. vu
[23] http:/ / www. wsws. org/ de/ 2000/ mar2000/ brun-m11. shtml
[24] http:/ / podster. de/ episode/ 491495/ download/ 2008_01_03_15_51_26_radiowissen_bruno_040108_01_a. mp3

Warum uns Körperkontakt das Leben erleichtert

Warum uns Körperkontakt das Leben erleichtert


Nicht nur als Babys brauchen wir Berührung, damit es uns gut geht. "Berührungen haben für Lebewesen einen Stellenwert wie die Luft zum Atmen", hat der Psychologe Martin Grunwald einmal in einem Interview mit "Die Zeit" konstatiert. Man könnte auch sagen: Nur mithilfe von körperlicher Nähe können wir die Herausforderungen unseres Alltags problemlos meistern.


Auf Berührungsreiz folgt Gehirnreaktion


Das Geheimnis hinter der Macht der Berührungen steckt in den Prozessen, die sie im menschlichen Körper auslösen. Werden wir angefasst, wird dieser Reiz von verschiedenen Arten von Berührungssensoren in der Haut aufgenommen. Diese spezialisierten Rezeptoren sitzen in allen drei Schichten der anderthalb bis zwei Quadratmeter großen Schutzhülle um unser Körperinneres, von der Epidermis über die Leder- bis zur Unterhaut.

Dort registrieren sie so unterschiedliche Reize wie Druck, Dehnung, Vibration oder Schmerz. Über Nervenbahnen melden die Sinneszellen ihre Erregung dem Gehirn. Die eingehenden Signale haben es in sich, denn sie können unsere Psyche entscheidend beeinflussen. So veranlassen sie bei angenehmen Berührungen zum Beispiel, dass Botenstoffe wie das "Glückshormon" Dopamin oder das als Bindungs- und Kuschelhormon bekannte Oxytocin ausgeschüttet werden. Gleichzeitig dämpfen sie das Stresszentrum und führen dazu, dass der Cortisol-Spiegel sinkt.


Hilfe bei der Stressbewältigung



Berührungen können deshalb beruhigend wirken, Ängste nehmen und uns stressige Situationen besser meistern lassen. Experimente zeigen: Frauen schneiden in psychosozialen Stresstests grundsätzlich besser ab, wenn sie zuvor oder währenddessen die körperliche Nähe ihres Partners genießen durften – sei es in Form von Händchenhalten oder einer Schulter-Nacken-Massage.

Tatsächlich scheint die emotionale Beruhigung auch das Sozialverhalten sowie die kognitive Leistungsfähigkeit zu beeinflussen. So haben Wissenschaftler herausgefunden, dass sich Teilnehmer strategischer Spiele kooperativer verhalten, wenn sie einander ab und zu anfassen – und dass Berührungen gedankliche Blockaden lösen können. Letzteres funktioniert sogar, wenn wir uns selbst berühren. Unbewusst scheinen wir das zu wissen. Denn mit Ausnahme von Affen ist der Mensch das einzige Tier, dass sich ohne erkenntlichen Grund von außen hin und wieder ins Gesicht fasst – vor allem in stressigen Situationen.

Vor kurzem haben Leipziger Forscher nachgewiesen, was diese Selbstberührung im Gehirn bewirkt. Im Experiment berührten Probanden immer dann ihr Gesicht, wenn der Arbeitsspeicher ausgelastet war und das Hirn Zeichen emotionaler Belastung zeigte. Nach der Berührung veränderte sich die Situation dann deutlich: Es schien, als habe die spontane Gesichtsberührung dabei geholfen, sowohl Störungen der Informationsverarbeitung als auch das Stressempfinden zu beheben.


Stärkung fürs Immunsystem


Wenn sich das emotionale Empfinden ändert, profitiert auch der Körper. Die durch Berührungen ausgeschütteten Botenstoffe können deshalb dabei helfen, gesund zu bleiben. Sie senken Pulsschlag und Blutdruck – bei regelmäßigem Kuscheln sogar langfristig. Auf diese Weise vermag Berührung das Risiko für koronare Herzerkrankungen zu vermindern.

Auch das Immunsystem ist ein Nutznießer von Streicheleinheiten. Regelmäßige Umarmungen oder Massagen stärken die Immunreaktion, indem sie unter anderem die Anzahl der natürlichen Killerzellen im Blut erhöhen. 

Welchen durchschlagenden Effekt das hat, offenbart ein Experiment von Sheldon Cohen und seinen Kollegen von der Carnegie Mellon University in Pittsburgh: Das Team befragte 404 Probanden nach ihren sozialen Kontakten und infizierten sie anschließend mit Erkältungsviren.


Das Ergebnis: 

Wer zuvor angegeben hatte, intensive emotionale Unterstützung von seinen Mitmenschen zu erfahren und oft in den Arm genommen zu werden, bekam seltener Schnupfen. 

Setzten sich die Viren trotz Kuschelschutz durch, waren die Symptome immerhin weniger stark und langanhaltend als bei anderen Testpersonen. "Je mehr Umarmungen jemand bekam, umso besser war er vor Infekten geschützt", sagt Cohen.